Puja

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"Wir hatten oft Besucher, sie waren neugierig. Aber ich glaube, wir waren ihnen nicht exotisch genug."

„Als ich drei Jahre alt war, flohen wir vor dem Bürgerkrieg aus Afghanistan. Damals konnten wir nicht dort bleiben, aber schon vorher war es schwierig, weil wir Sikhs in Kabul eine Minderheit waren. Mit dem Taliban-Regime war es dann natürlich unmöglich dort zu leben.“

„An die Flucht kann ich mich nicht erinnern, ich war zu jung, aber die erste Zeit in Deutschland kann ich nicht vergessen. Zwei Jahre lang sind wir von Unterkunft zu Unterkunft gezogen, bis wir endlich in unsere erste Wohnung durften. Da hatten wir sehr nette Nachbarn, die uns unterstützt haben – sie waren zum Beispiel mit meinen Eltern Möbel einkaufen.“

„Wir Kinder haben die Sprache natürlich schneller gelernt, als unsere Eltern. Deshalb mussten wir ihnen oft helfen – zum Beispiel bei Ämtergängen und ähnlichem. Heute ist das ein Vorteil für mich: Ich bin mit der Bürokratie nicht so schnell überfordert und unterstütze Geflüchtete bei Behördengängen.“

„Die Zeit als Flüchtling hier war nicht leicht. Unsicherheit war immer ein Thema bei uns: ob wir bleiben können, wie lange wir bleiben können und wo. Unsere Familie ist über ganz Europa verstreut, früher, als wir noch nicht die Staatsbürgerschaft hatten, konnten wir sie wegen der Residenzpflicht nicht sehen. Inzwischen habe ich aber die deutsche Staatsbürgerschaft und freue mich, Familie überall in Europa besuchen zu können.“

„Es gab auch immer einen gewissen Druck. Meine Eltern hatten große Schwierigkeiten Arbeit zu finden, mussten aber dem Staat beweisen, dass sie für uns sorgen konnten, sich integrierten. Also arbeiteten sie sehr viele Stunden für sehr wenig Geld. Inzwischen gibt es glücklicherweise in Deutschland einen Mindestlohn, so dass so etwas nicht passiert.“

„Auch für uns Kinder galt der Erfolgsdruck: Gute Schulnoten waren wichtig. Ich war schockiert, als ich sogar mein Schulzeugnis bei der Ausländerbehörde vorlegen musste, um eine ‚besondere Integrationsleistung‘ zu belegen.“

„Weil wir Sikh sind, haben meine Eltern mit uns immer Punjabi gesprochen, nicht Dari. Ich bin also nicht die Afghanin, die man sich vorstellt. Es gibt oft Ablehnung, aber auch eine leicht merkwürdige Neugier. Mitschüler und ihre Eltern wollten uns oft besuchen. Meine Eltern haben alle willkommen geheißen, aber unsere Besucher waren dann doch leicht enttäuscht. Ich glaube wir waren ihnen nicht exotisch genug.“

„Einmal hatte meine Schulfreundin einen Flyer über Afghanistan dabei. Sie sollte im Auftrag ihrer Mutter fragen, ob wir daheim die Burka tragen. Ich wusste nicht was das sein sollte, also hab ich meine Mutter gefragt, sie hat mir die Situation der Frau in Afghanistan erklärt und dass das auch ein Grund war, das Land zu verlassen.“

„Ich würde mich am ehesten als Kosmopolitin bezeichnen. Mit dem Konzept Heimat kann ich nicht viel anfangen, ich finde es sehr starr. Meine Familie ist schon seit Generationen nicht an einen Ort gebunden – heimatlos also, nach dieser Logik. Den Drang, Menschen zu kategorisieren, finde ich sehr schwierig. Vor allem, weil er zu Ablehnung führen kann. Aber man sollte Menschen einfach sie selbst sein lassen.“

Dies ist eine Geschichte von Christine Strotmann. 

Photo credit: Martin Gyce

5,140 km von Zuhause entfernt
#iamamigrant
Puja
Beschäftigung: 
Studentin Ethnologie
Derzeitiges Aufenthaltsland: 
Deutschland
Herkunftsland: 
Afghanistan

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